Notfalls mit der Brechstange! Meine kleine Biografie! Kapitel 1 (Teil 2)

Notfalls mit der Brechstange! Meine kleine Biografie!

Notfalls mit der Brechstange! Meine kleine Biografie!

Mein Vater jedenfalls, der bemerkte immer wieder diese merkwürdigen Schwächeanfälle. Die wurden immer intensiver, belastender. Größere Strecken konnte er nicht mehr an einem Stück laufen, was für einen 26-jährigen jungen Mann eigentlich kein Problem hätte sein dürften. Monate später, auf einer großen Industrie-Messe, er hatte gerade eine neue Stelle angetreten und war für seinen Arbeitgeber in Hannover, versagten ihm die Beine. Mein Papa fiel der Länge nach in den Staub, und konnte gar nicht so recht über den Witz des Kollegen lachen: „Hast wohl gestern Abend zu tief ins Glas geschaut?“

Kaum wieder zu Hause ging mein Papa zum Hausarzt. Der diagnostizierte Stauungsbeschwerden in den Füßen und verordnete Schuheinlagen. Fehldiagnose! Er überwies, wohl Verdacht schöpfend, an einen Neurologen, dem die Sache sofort ziemlich klar zu sein schien. Sagen tat er aber nichts. Wir steckten gerade mitten in Umzugsvorbereitungen, so überwies der Arzt meinen Vater an einen Kollegen an unserem neuen Wohnort. Mein Vater verstand damals nur ein Wortfetzen wie „…myelitis…“ mit dem er aber nichts anfangen konnte. Was sich aber bald ändern sollte.

Wie gesagt, wir zogen erstmal um, in eine kleine Kreisstadt, umgeben von Wiesen, Wäldern, klarer Luft. Das reinste Feriengebiet. Wunderschön – wäre da nicht der angekündigte Arztbesuch. Der Arzt riet meinen Vater nämlich eindringlich zur Schonung und schrieb ihn krank. Und das mitten in der Probezeit! Gottlob kündigte sein Chef ihm nicht, im Gegenteil, er riet meinem Papa bei Bedarf erstmal halbtags zu arbeiten – bei voller Bezahlung! Erleichtert kehrte bei meinen Eltern der Optimismus zurück.

Drei Monate vergingen, man saß gerade in gemütlicher Runde bei meinen Großeltern, als mein Vater sich auf einmal nicht mehr erheben konnte. Seine Beine rührten sich nicht mehr vom Fleck – er war gelähmt!

Mein Papa kam ins Krankenhaus, wurde im Rückenmark punktiert und erfuhr erstmals die genaue Diagnose: MS, Multiple Sklerose! Ein Schock? Kein Schock, denn meine Eltern begriffen zunächst nicht, wie ernst die Lage war. Dass seine Krankheit unheilbar war und bedrohliche Perspektiven hatte.

Die folgenden Jahre waren nicht leicht für uns.

Mein Papa kam immer wieder in spezielle neurologische Klinken, schon ein Jahr nach der Diagnose saß er fest im Rollstuhl. Manchmal brachten mich meine Eltern zu meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter. Gerade in meinen Opa fand ich einen Menschen, der sich unheimlich viel Zeit für mich nahm. Er malte mit mir, Opa konnte wunderbar malen. Ich denke meine Tochter hat diese Gabe von ihm geerbt. Sie ist quasi schon mit Stift geboren worden. Aber das nur nebenbei. Opa und ich machten Spaziergängen, rutschen auf dem Spielplatz, schaukelten, er brachte mir das Rad fahren bei, das Schleife binden und und und. Er fing auf liebevolle Weise das auf, was ein „rollender Papa“ einfach nicht mehr leisten konnte.

Ich erinnere mich leider nicht mehr an einen „laufenden Daddy“. Ich kann mich jedoch auch an einige dieser Besuche in diesen neurologischen Klinken erinnern. Einmal besorgte mein Papa eine große sprechende und laufende Puppe für mich, die mir im Krankenhausflur entgegen kam. Keine Ahnung wie er das immer schaffte etwas Schönes für mich da zu haben. Ich denke, er wollte, das ich mit diesen Spielsachen ein Stück „Normalität“ in der Sterilität der Klinken hatte. Ja, sterile Krankenhausflure, die kenne ich gut. Nicht zuletzt, weil meine Eltern ja auch mit mir immer wieder zu kardiologischen Nach-bzw. Vorsorgeuntersuchungen mussten. Bis heute bin ich „Dauergast“ beim Kardiologen.

Und bis heute habe ich Ängste wenn ich als Patient sterile Krankenhausflure sehe, der Arzt mit einer Spritze winkt oder „Schlimmeres“ gemacht werden muss.

Ich habe Angst.

Angst ist mein Thema, es zieht sich vielschichtig durch mein Leben.

Und meine Ängste begrenzten sich leider schon als Kind nicht auf die sterile Krankenhausatmosphäre.

Als Kind hatte ich vor vielen andren Dingen Angst, vor Regen, Bus fahren, alleine zu Hause bleiben und so vielem mehr.

Zu Hause bleiben“ – das Stichwort für uns als Familie. Wir wohnten in einer Mietwohnung mit Stufen. Folglich konnten wir sie als Familie äußerst selten verlassen. Immer brauchten wir Hilfe, jemanden der meinen Papa die Stufen runter trug. Ein unhaltbarer Zustand.

Na ja, in die Schule musste ich ohnehin alleine. Es war furchtbar. Für meine Mitschüler war meine Ängstlichkeit ein gefundenes Fressen. Mut bekam ich eigentlich immer nur, wenn jemand einen anderen Mitschüler im Streit mit Sätzen wie „Du bist ja behindert!“ oder „Du Spasti!“ betitelte. DAS ging gar nicht, wo doch mein Vater zu Hause saß, behindert war und in den Beinen immer wieder spastische Anfälle bekam. Und so wies ich die Kinder zurecht. Beides machte mich nicht unbedingt beliebter. Ich wurde ausgegrenzt, in der Schultoilette eingesperrt und geschlagen.

An manchen Tagen wollte ich nicht in die Schule, übergab mich schon am Morgen auf der Toilette. ALLES erzählte ich meinen Eltern nicht, sie hatten ja schon genug Sorgen.

Mein Vater wollte indessen etwas an seiner misslichen Lage,seinem „komfortablen Gefängnis“, wie er unsere Mietwohnung nannte, ändern. Er sann auf Abhilfe, schrieb an den Stadtdirektor, die Kreisverwaltung und und und …

Die Stadt bot uns auf einmal ein Grundstück an, wir sollten bauen, rollstuhlgerecht, man würde uns dabei helfen. Was für eine Entscheidung! Und das als Frührentner, der er ja jetzt auch war! Doch wir waren im Zugzwang, wir hatten keine Alternativen, wir bauten!

Ich weiß noch wie aufgeregt wir alle waren. Auch meine Großeltern mütterlicherseits freuten sich sehr und unterstützen uns wo es nur ging.

Das Fertighaus machte seinem Namen alle Ehre und war sehr fix fertig. Es war wunderschön geworden, ein gemütlichen Häuschen im Landhausstil mit viel Holz und großen Fenstern.

Hier konnte sich mein Papa freier bewegen, er hatte einen Garten und konnte draußen entspannen und mit dem Elektrorollstuhl auch mal eine Runde drehen.

2 Jahre später setzte mein Papa dann etwas um was wohl schon lange in ihm gärte, und was wieder mal zeigte, welch starken Willen er hatte. Er gab sich nicht zufrieden, nicht mit einem Kind, welches von Ärzten tot geweiht war, nicht mit einem Rollstuhl, nicht mit „normalen“ Konsequenzen die ein Rollstuhl nach sich zog. Mein Vater war nicht „am Rollstuhl gefesselt“ wie man so schön sagt, er entfesslte viele vorherrschende Grundsätze und rief Neues ins Leben. 1980 gründete er eine Selbsthilfegruppe, um die Zustände für Behinderte in der Öffentlichkeit etwas zu verbessern. Und dabei holte er sich immer wieder Prominente und Politiker ins Boot.

Ich liebte es, wenn wir Mittwochs in „die Gruppe fuhren“.

Ich wurde somit schon früh mit Behinderungen, alten Menschen und Kranken konfrontiert und lernte ”solche” Menschen ganz normal in mein Leben zu integrieren.

Ja, meine Eltern konnten mir durch ihr von Leid und Behinderung gezeichnetes Leben eine gute Wertevorstellung mitgeben. Ich habe vor allem in Papa immer einen guten Gesprächspartner gehabt und viele weise Ratschläge für mein Leben bekommen.

1980 passierte aber auch wieder etwas unvorstellbar Schlimmes: Mein Opa, Mamas Papa, starb. Er hatte lange an einer Lungenkrankheit gelitten. Ich weiß noch wie er eines Tages, als ich mal wieder zu Besuch bei meinen Großeltern war, sah das mein Opa im Gästezimmer lag. Ich sollte leise sein, Opa war krank. Dann kam der Krankenwagen, Opa wurde abgeholt. Ins Krankenhaus durfte ich nicht. Ich sah meinen Opa nicht mehr wieder.

Das Telefon schellte eine Tag später, meine Oma nahm ab. In stoischer Ruhe teilte sie mir mit das Opa tot war. Ich weiß noch wie ich schrie: „Opa, Opa, Opa!“ immer lauter. Meine Oma schimpfte mit mir, ich solle leise sein, sie könne am Telefon nichts mehr verstehen. Doch das war mir egal, ich wollte Opa. Ich wusste bis dato nicht was Tod wirklich bedeutet. Ja, klar man hört das schon und „weiß“ das auch, aber „weiß“ man das wirklich? Und vor allen Dingen mit 9 Jahren? Ich wusste nur das der Tod eines geliebten Menschen seelische oder körperliche Schmerzen verursachte. Mein Opa war gestorben, er wurde nur 56 Jahre alt…. er fehlt mir bis heute!

Während meiner Teenagerzeit wurde ich zum ersten Mal mit Gott bekannt gemacht. Ich ging mit meinen Freundinnen in die Jungschar. Ich hörte dort viele Bibelgeschichten und betete viele durchaus erst gemeinte Gebete. Ich betete zum Beispiel, dass das Wetter am Wochenende schön wird, dass meine krebskranke Freundin wieder gesund wird und dass mein Vater wieder laufen lernt. Das Wetter wurde oft schön, der Tumor bei meiner Freundin entfernt. Bei meinem Vater musste ich allerdings Geduld haben. Ich betete aber die ganze Zeit weiter dafür.

Leider fehlte mir aber gänzlich der Zusammenhang zwischen Gott und Jesus. Ich kannte Gott nicht wirklich und seinen Sohn schon gar nicht.

Gerade in der folgenden Jugendzeit suchte ich viel nach dem Sinn des Lebens. Ich schrieb Gedichte am laufenden Band um Antworten zu finden. Außerdem schrieb ich Tagebuch und dokumentierte somit mein Leben.

Mit 16 Jahren begann ich meine Ausbildung als „Assistentin an Bibliotheken“. Es war auch da nicht immer leicht, sich den Ängsten vor Fehlern bei der Arbeit und auch beim Zug fahren nach Köln zur Berufsschule zu stellen. Aber ich schaffte es. Später leitete ich sogar eine Gemeinde- und Schulbibliothek.

Endlich wurde ich auch bei den ”richtigen Jungen” beliebt. Discos waren der Renner und so ein schöner Cocktail war auch nicht zu verachten. Zum Glück hatte ich eben diese Eltern. Mein Vater führte viele Gespräche mit mir. Auf der einen Seite verstand er mich, auf der anderen Seite holte er mich auch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich möchte mir nicht ausmalen, wo meine Disconights geendet wären, wenn ich meine Eltern nicht gehabt hätte.

So endeten sie aber bei meinem Ehemann. Wir waren noch nicht lange ein Paar, als mein Vater gesundheitlich sehr abbaute. Er bekam offene Stellen am Körper, die einfach nicht mehr verheilen wollten. Innerhalb von 4 Monaten lag mein Vater in 4 verschiedenen Krankenhäusern und hoffte das man ihm helfen konnte. Konnte man nicht, im letzten Krankenhaus, in unserer Heimatstadt, starb Papa dann mit nur 47 Jahren. Sein Körper war einfach zu schwach und die Lungenentzündung setzte ihm dann endgültig zu.

Und wieder schrillte das Telefon, diesmal in meiner kleinen Wohnung. Mit 22 Jahren zog ich zu Hause aus, fand eine kleine Wohnung in der Straße unterhalb von meinem Elternhaus. So wohnte ich erstmals alleine bzw. mit meinem Partner zusammen, war jedoch nah genug um täglich bei meinen Eltern vorbei zu sehen und mit anzupacken.

Wie gesagt – und wieder schrillte ein Telefon! Am anderen Ende heulte meine Mutter, ich verstand kein Wort. Aber ich wusste, etwas Furchtbares war geschehen. So stürzte ich aus dem Haus und rannte die Straße hoch zum Elternhaus. Meine Mutter stand auf der Terrasse und weinte: „Papa ist tot!“. Da war er wieder, dieser plötzliche unerträgliche körperliche und seelische Schmerz. Unser Nachbar kam, der Hausarzt fuhr vor, meine Mutter bekam eine Beruhigungsspritze.

Irgendwann saßen wir alle im Auto und fuhren ins Krankenhaus. An Papas Zimmertür war ein Zettel. „Bitte nicht eintreten, vorher das Personal rufen!“ Ich stürzte ins Zimmer. Meine Mutter kauerte sich sofort auf den einzigen Stuhl der im dem Zimmer stand. Ich lief zum Bett und zog das Lacken zur Seite. Papa sah so friedlich aus und er war noch so warm. Es war so unwirklich, wieder mal.

Die nächsten Tage mutierte ich zum Roboter, Beerdigung organisieren, Versicherungen anschreiben und und und – vieles davon kannte ich ja schon, erledigte ich doch schon seit Jahren den Papierkram mit meinen Vater. Die schwarze Mappe kannte ich auch schon. Ich hasste es immer, wenn Papa mich in regelmäßigen Abständen zu sich rief, um mir ihren Inhalt zu erklären.

Ich meisterte meine Sache mit Bravour. Irgendwann war auch die letzte Formalität vom Tisch. Es kehrte Ruhe ein. Und da wurde mir schlussendlich klar, das Papa nicht mehr wieder kommt. Ich habe mir solche Mühe gegeben, doch diesmal rollte da kein Papa um die Ecke, der mir sagte wie „stolz er auf mich sei, das er sich immer auf mich verlassen konnte!“ Da war nur Lehre.

Freitags und Samstags ging ich in die Disco. Ich versuchte diese Lehre mit Alkohol zu füllen. Ich hoffte ich könne vergessen!

Zu den Gedanken, die ich mir nach wie vor über den Sinn des Lebens machte, gesellten sich nun noch Todesängste. Ich hatte Albträume, in denen mich immer ein schwarzer Mann so lange verfolgte, bis ich einen Abgrund herabstürzte. Ich hielt meine Stimmungen wieder in Tagebüchern und Gedichten fest.

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2 thoughts on “Notfalls mit der Brechstange! Meine kleine Biografie! Kapitel 1 (Teil 2)

  1. Schon gestern habe ich deinen ersten Teil der Biografie mit großem Interesse gelesen. Was du alles für Schicksalsschläge mitgemacht hast! Da fällt die Frage an den Glauben sicherlich manchmal nicht so leicht wie an anderen Tagen. Mein Respekt hat aber auch dein Vater verdient, in seinem kurzen Leben hat er wirklich wahrlich viel kämpfen müssen. Der Verlust eines solch liebenswerten Menschen ist unheimlich schwer.
    Ich freue mich auf weitere Geschichten deiner Biografie und bin gespannt, was noch so kommt.
    Alles Liebe,
    Yvonne

    • Liebe Yvonne! Danke schön! Es kommt noch viel Schönes und Schweres. Bis zum heutigen Tag. Aus diesem Grund ist es mir wichtig, das alles aufzuarbeiten und die eine oder andere „losgelöste“ Bloggeschichte Teil meiner Biografie werden zu lassen. Alles hat einen Sinn und auf diese Weise fällt es mir manchmal leichter einen Sinn zu erkennen. Lieben Gruß, Sandra

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