Ich will das alles nicht!

Ich will das alles nicht!

„Hier ist der Aufklärungsbogen. Sie müssen das Medikament täglich einnehmen und in den aufgezeichneten Abständen zum Arzt gehen. Ein Blutbild ist unbedingt erforderlich, und zwar JEDES Mal…..dann müssen sie daran denken….. und vor allen Dingen…… Haben Sie alles verstanden?“ Ich nickte zögerlich und nahm das Blatt entgegen. Mit Aufklärungsbogen, Rezept, neuem Termin und um fünf Röhrchen Blut leichter verließ ich die Facharztpraxis.

Auf dem Heimweg war ich ziemlich still. Mein Mann auch. Ich war müde. Diese Arztbesuche nehmen mich immer mit. Diesmal besonders – ich soll in Kürze ein neues Medikament ausprobieren. Es sei nicht besonders stark, dennoch verpflichtet es mich in Zukunft zu etlichen Labor-und Arztbesuchen. Auf dem Rückweg machten wir an der Apotheke Halt. Die Apothekerin fragte mich, ob ich bezüglich des Medikamentes aufgeklärt bin. Ich nickte. Dann fragte ich noch nach dem einen Medikament gegen Migräne. Ich hab das immer gerne vorrätig. „Ach je, darunter leiden sie auch?“ Es täte ihr sehr leid. Ich fühlte mich unbehaglich, löste diese Art von Mitgefühl regelrechtes Bauchdrücken bei mir aus. „Bloß raus hier“, dachte ich, raffte die Medikamente zusammen, nuschelte ein „Auf Wiedersehen“ und ging.

Ich will das alles nicht!
Ich will das alles nicht!

Ich aß kaum zu Abend, lag schon um 21 Uhr im Bett und schlief untypischerweise sofort ein.

Der nächste Morgen…kurz wusste ich nicht welcher Tag war und was los war.

Ach ja, es fiel mir wieder ein. Das Medikament! Es lag eine Schwere auf meinem Herzen. Wieso nur? Es gibt doch wahrlich Schlimmeres, sagte ich mir und ging den Tag an.

Nach und nach verabschiedeten sich die Mitbewohner, gingen ihren Aufgaben und Bestimmungen nach. Das Haus wurde sehr ruhig. Leise stand der Hund auf und guckte mich an. Ich schnappte mir erstmal die Leine und lief meine Morgenrunde. Meine Gefühle wurden nicht besser. „Ich versteh‘ das nicht, es ist doch nur ein Medikament.“, seufzte ich.

Zu Hause machte ich mir Frühstück. Weder das Müsli noch mein Latte Macchiato konnten mich aufheitern.

Ich griff nach dem Telefon, um mit den verschiedenen Ärzten Termine auszumachen. Fürchterlich, ein Hin und Her durch Warteschleifen und monotonen Computerstimmen, die mir sagten das ich nur eben kurz warten soll, ich würde sofort weiter geleitet…. Zwischendurch legte ich dann doch auf.

Ich will das alles nicht!
Ich will das alles nicht!

Und dann passierte es! Plötzlich brach es aus mir heraus! Da saß ich in meinem Galeriezimmer und weinte bitterlich. Es fühlte sich alles so entsetzlich in meinem Herzen an. Der Hund schlich langsam zu mir, setzte sich und schleckte meine Hand.

„Ich will das alles nicht!“ schluchzte ich.

„Ich will nicht, das meine Krankheit wieder so groß wird!“ Da war es! Da war es, das was mich so quälte.

Meine chronische Erkrankung, die mich sehr oft in meinem täglichem Allerlei ausbremst, bekommt durch diese Arzttermine meiner Ansicht nach zu viel  Aufmerksamkeit. „Ich will nicht, das dieses „krank sein“  wieder so in den Mittelpunkt rückt. Es ist einfach nicht gut, wenn ich jetzt ständig zum Arzt zur Kontrolle pilgern muss.“, klagte ich.

Nach und nach formten sich Gebete. Ich kippte alles vor Gott aus.

Mein Handy surrte, es waren einige Familienangehörige. Ob es mir gut ginge? Ja das liebe Familienband, welches uns des Öfteren befähigt zu spüren, wie es den Liebsten wohl gerade geht.  Ihre einfühlsamen Worte taten mir gut.

Nachmittags meldete sich eine liebe Bekannte (auch in der Seelsorgeausbildung). Auch Sie fand weise und ermutigende Worte. Und am Ende des Tages wusste ich, das alles gut ist. Auch der Verlauf dieses Tages.

Habe ich nicht kürzlich erst selbst darüber geschrieben ( „Die Koffer im Keller“ )? Ich lese:

Betrauern, besehen und verstehen lernen als eine erste Station auf dem Weg der Heilung….“

Genau auf diese Weise habe ich schon Dinge verarbeitet! Sage ich das nicht auch selbst Menschen, die gerade über etwas entsetzt sind (egal ob es groß oder klein ist, objektiv schlimm ist oder subjektiv als schlimm wahrgenommen wird)?

Dieses Medikament, mit seinem Rattenschwanz an ärztlichen Verpflichtungen, hat etwas Vergangenes in mir angetriggert. Nämlich die Angst wieder „immer nur krank zu sein“, „anderen zur Last zu fallen“ und und und…. Mir wurde wieder richtig zugesetzt.

Ich weinte darüber und verstand.  Ich darf darüber traurig sei, muss aber nicht da stehen bleiben. Wie ich im oben verlinkten Artikel weiter schrieb:

All das brachte ich im Gebet vor Gott.

Schon am Abend ging es mir besser. Mein jüngster Sohn und ich konnten jetzt auch zusammen über mein Missgeschick am Nachmittag lachen. Da bin ich (passend zum „Scheisstag“ 😉 ) noch in einen Hundehaufen getreten.

„Ja das war ein Scheisstag!“, lache ich. Oder doch nicht? Denn am Ende des Tages wusste ich (wieder mal) das ich gesegnet bin.

Ich habe unseren großen Gott, eine tolle Familie, Freunde und Bekannte, die zu mir stehen, egal wie ich mich fühle.

♥-lichst Sandra

 

Ich freue mich, wenn du meinen Blog teilst! Du möchtest auf dem Laufenden bleiben? Dann tobe dich auf den Buttons in meiner Sidebar aus :-)!

7 Gedanken zu „Ich will das alles nicht!

  1. Ich weiß zwar nicht um welche Krankheit es sich handelt, aber ich drücke dir die Daumen dass die Medikamente helfen werden und die Krankheit nicht wieder so groß wird. Schön dass du Familie hast die hinter dir steht und für dich da ist 🙂

    Liebe Grüße
    Carry

  2. Hallo Sandra, im ganz kleinen kann ich das nachfühlen, da ich unter Migräne leide, und mich das manchmal richtig sauer macht, weil die Migräne mich ausbremst und mich schwach macht. Und weil andere meine AUfgaben übernehmen müssen. Und ich gezwungen bin Medikamente zu nehmen. Und du hast recht, es ist völlig in Ordnung über seine Gefühle und auch die Wut zu sprechen. Wichtig ist nur, dass man sich nicht zum Opfer macht sondern gestärkt weitergeht. Gute Freunde und Familie, und natürlich unser Gott sind da eine wichtige Stütze.
    ich wünsche dir viele glückliche Momente. lachen zu können ist so schön!
    Liebe Grüße Claudia

  3. Hallo Sandra,
    ich habe deine Sätze gelesen und im ersten Moment habe ich an ein Roman gedacht, so sehr hat es mich berührt, Ich kann deine Gedanken, deine Angst und Sorgen sehr gut vestehen. Man bekommt Panik, weiß nicht weiter und fühlt sich alleine.

    Ich wünsche Dir viel Kraft und gehe deinen Weg weiter, den du gefunden hast.

    Liebe Grüße
    Julia

  4. Liebe Sandra,
    Ich begleite dich in Gebet und wünsche dir alles Gute!
    Und beim Lesen musste ich an diesen Bibelvers denken: „Gott ist in den Schwachen mächtig.“
    In unseren schwachen Momenten greift uns Gott nur umso kräftiger unter die Arme. Und unter diesem Gesichtspunkt kann ich mittlerweile meine eigenen Schwachheiten immer mehr mit Humor nehmen und mich darüber freuen, dass Gottes Größe sich zeigen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.