„Gründen wir doch einen Club!“,

sagte ich zu meinen Freundinnen. Es war Samstag Nachmittag. Gerda, Tanja, Stella und ich hingen auf meinem Sofa herum. (Ja ich weiß, jetzt sagt man „chillen“ dazu 🙂 )

Der Club der roten Bänder - und unser "Nicht Club"

Der Club der roten Bänder – und unser „Nicht Club“

Zum soundsovielten Male wollten wir einen Club zusammen aufziehen.

Und zum soundsovielten Male blieb es beim „wollen“. Wir hatten uns Ziele gesetzt. Am Ende hatte eine dann doch keine Zeit, die andere hatte keine Lust und Gerda und Tanja stritten doch nur darum, wer die längeren Haare hatte. Die beiden Streithähne standen dann Rücken und Rücken und ich sollte entscheiden, wessen Haupthaar länger wäre.

Wir wurden kein Club, aber wir trafen uns regelmäßig.

Jeder mal mit jedem. Mit Stella konnte ich gut „Dekorieren“ und „Modeladen“ spielen, mit Tanja tauschte ich mich über unsere Zukunft aus und wir spielten Pferdehof im Wald. Mit Gerda konnte ich alles „Verbotene“ machen. Sie war viel allein zu Hause, deswegen „durften“ wir „alles“. Na ja, es war halt keiner da, der uns kontrollierte. Unser Spiel „den Boden nicht berühren“ mochten wir am Liebsten. Wir kletterten dann auf Schränke und Kommoden und hangelten uns durch die Wohnung. Etwaige demolierte Möbel verbuchten wir lässig als Kollateralschaden.

Meine Freundinnen und ich lebten in ein und der selben Strasse. Wie oft ich mich mit wem traf, wechselte. Als ich 16 Jahre alt war, war ich gerade besonders „dicke“ mit Gerda.

Der Club der keiner war - Gerda und ich

Der Club der keiner war – Gerda und ich

Es war die Zeit, indem ich häufiger zum „lieben Gott“ betete, das mein Papa wieder laufen soll. Der saß nämlich wegen Multiple Sklerose im Rolli. Ich kannte übrigens „nur“ einen „unvollständigen Jungschar-Gott“,  ein Gott, der viele schöne Sachen für uns machte und zu dem man beten kann, wenn man etwas möchte.

Und wer wollte denn keinen laufenden Papa.

Wir aßen wie fast jeden Abend pünktlich um 18.30 Uhr Abendbrot. Mit dem Türklingeln und der darauf folgenden Nachricht erweiterte sich mein „Gebetspensum“ empfindlich. Meine Freundin Gerda hatte Krebs. Ein Gehirntumor – sie wurde in eine Spezialklinik operiert.

Es war der Anfang der Zeit, indem sich in unseren Freundschaften einiges änderte. Haarlängen wurden schon lange nicht mehr verglichen – Tanja hätte eh gewonnen, denn Gerda hatte unlängst keine Haare mehr auf dem Kopf.

Gerda wurde (zunächst) wieder gesund. Sie hatte sich verändert. Nicht nur ihre Haare mussten wieder wachsen, auch viele kognitive und motorische Fähigkeiten. Überhaupt hatte sich das Leben für uns alle geändert. Jeder hatte seine Herausforderungen, seine eigenen Wege zu gehen. Berufstätigkeit, Familiengründung und und und… Mit der Geburt meines ersten Kindes und Tanjas zweiten nahmen wir unsere Freundschaft wieder auf. Auch Gerda und ich trafen uns wieder öfter.

„Spielst du mit mir?“ Des öfteren rief mich Gerda an.

Während ich mich mit Tanja übers „Mutter-sein“ austauschte, spielte ich mit Gerda jetzt Brettspiele wie „Mensch ärgere dich nicht!“ Mittlerweile war sie 27 Jahre und ich 29 Jahre alt. Ich lud sie zu mir ein. Mit ihrem Rollator versuchte sie verstreutes Spielzeug meiner Kinder zu umrunden. Ihr Nässeschutz war voll. Ich half ihr beim Wechseln der Einlage. Sie sagte mir, das sie sich auch eine Tochter wünsche und schaute meinen Kindern beim Spielen zu. Im Kindergarten machte sie ihr heiß ersehntes Praktikum. Es fiel ihr schwer, aber jeden Tag zauberte die kleinen Kinder ein Lächeln auf ihr Gesicht. Mein Sohn erzählte mir, das es die Kinder wiederum liebten, wenn sie auf den Rollator mitfahren durften.

Ich traf meine Freundin „zufällig“, als ich an  meinem Elternhaus Laub fegte. Sie war beim Arzt und schälte sich völlig erschöpft aus dem Auto. Sie müsse sich die nächsten Tage einfach ein bisschen mehr ausruhen, meinte sie. Dann würde es ihr wieder besser gehen. Ich nahm meine viel zu dünne Freundin  in den Arm und sie drückte mich so fest sie noch konnte.

Meine Mutter rief mich einen Tag später an. Das, was ich wieder mal nicht wahr haben wollte, trat ein.

Ich habe meine Freundin verloren. Die, mit der ich jeden Blödsinn machen konnte, soll da in der Kiste liegen? Wieder so ein blöde Kiste, vor der ich schon einige Jahre zuvor stand, als mein Papa auch viel zu früh starb.

Der Club, der kein Club war, war jetzt unvollständig. Ob wir Gerdas Leben auch prozentual unter uns geteilt hätten, um für Gerda mitzuleben? So wie es die Jugendlichen aus dem „Club der roten Bänder?“ taten, als ihr Freund starb?

Ich weiß nicht, aber ich glaube unser „Nicht-Club“, Gerdas Krebserkrankung, Papas Behinderung und die Zerbrechlichkeit, unter der Freundschaften so schnell leiden, sind unter anderem die Auslöser dafür, das ich den „Club der roten Bänder“ so mag.

Vieles erinnert mich an meine Jugend. Leo, der in der Chemo nicht allein sein sollte und wollte. Diesen Platz daneben kenne ich auch. Volle Urinflaschen, die geleert werden müssen standen bei mir zu Hause im Badezimmer „herum“. Gerda und ich waren auch schon mal im selben Jungen verknallt ;-).

Die Kunst, inmitten von Krankheit und Behinderung, sein Leben sinnvoll zu gestalten.

Die Kunst, inmitten von Krankheit und Behinderung, auch mal „sinnfrei“ zu leben.

Die Kunst, inmitten von Krankheit und Behinderung, die Haarlängen zu messen, auch wenn man vielleicht gerade gar kein Haupthaar hat.

 

 

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13 thoughts on “„Gründen wir doch einen Club!“,

  1. Das ist sehr berührend geschrieben und es tut mir leid um deinen Verlust! Um beide! Von dieser Serie habe ich schon oft gehört, habe sie aber bisher nie geschaut.

    Liebe Grüße
    Jana

  2. Ich bin gerade etwas gehst, meine Finger über die Tastatur zu bewegen. In der tat wollte ich gerade tippen und musste innehalten. Als ich deinen Beitrag zu beginn las, fand ich ihn interessant und verglich es mit meiner eigenen Jugend. Die Wendung lässt mich erstarren. Es tut mir sehr leid um deinen Verlust! Das Leben ist leider nicht immer fair – Krebs war auch schon der Grund für viele meiner eigenen Verluste, so dass ich die Serie auch noch nie geschaut habe – ich habe großen Respekt davor.

    Liebste Grüße,
    Yvonne

    • Ja, Verluste sind so ein Thema bei mir. Ne eigentlich ist es DAS Thema. Ich habe Verlustangst, die leider immer wieder genährt wird. Menschen sterben mir einfach weg oder sie gehen plötzlich weg. In letzter Zeit muss ich (wieder mal) über vieles nachdenken.

  3. Danke Sandra, dein Text hat mich auch sehr berührt! Ich kenn das „Clubleben“ in der Kindheit und hab den Zusammenhalt und die Aktionen zusammen sehr genossen, aber das ist irgendwann auch vorbei. Wenn dann solche Herausforderungen dazukommen, wie bei dir, stellt das die Freundschaften sicher noch viel mehr auf die Probe und macht sie hftl auch stärker. ♥
    Ich mag die Serie auch sehr. Und es ist richtig, dass dort mal die Menschen gezeigt werden und Ehre bekommen, die sonst von vielen vergessen werden!
    Liebe Grüße! Anne

  4. Huhu Sandra…

    Sehr schön geschrieben und sehr berührend.
    Ich weiß gar nicht so recht, wie oder was ich schreiben soll.
    Krebst ist immer so eine Sache, die mich selber immer Traurig macht. Ist Mein Opa deswegen viel zu Früh von uns gegangen. Eine Mitschülerin, die nach 14 Tage neuem und letztem Schuljahr auf einmal nicht mehr kam und nach nur einem Monat den viel zu schnell wachsenden Krebs nicht besiegen konnte. -,-

    Alles liebe

  5. Mensch, jetzt habe ich glatt „Pipi“ in den Augen. Das ist so schön geschrieben! Ich habe solch eine Erfahrung bisher Gott sei Dank noch nicht machen müssen, aber alleine die Vorstellung, meiner besten Freundin von damals, mit der ich auch die unmöglichsten Sachen angestellt habe, könnte so etwas passieren…das lässt mir Gänsehaut über den Körper laufen. Keiner sollte solchen Verlust – ganz egal ob Vater oder Freundin – durch eine Krankheit erleiden. Leider passiert das immer viel zu oft.
    LG Christine

    • Ja da hast du recht. Das passiert leider allzu oft, mein Sohn hat im Altern von 11 Jahren seinen gleichaltrigen Freund verloren – er starb auch. Es ist eine prägende Erfahrung. LG Sandra

  6. Huhu meine Liebe, ich finde deine Worte einfach nur sehr schön und ergreifend. Mir fehlen ein bisschen die Worte, aber diese Worte hast du klasse wiedergegeben. Wünsch Dir das aller beste. Lg

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