Geburtstagskuchen – bitte zu versuchen!

 

Blick aus Opas Fenster

Blick aus Opas Fenster

Ich vermisse meinen Opa (den Papa meiner Mama). Der hatte immer

„Geburtstagskuchen, bitte zu versuchen!“

gesungen, als meine Mama den Kuchen auf meinen Geburtstagstisch stellte. In diesen Moment fühlte ich mich immer sehr wohl. Überhaupt fühlte ich mich bei meinem Opa immer sehr wohl. Irgendwie hatte er immer Zeit für mich. Wahrscheinlich war es nicht „immer“, aber ich hatte als Kind das Gefühl. Wenn er mit dem Zug aus dem Ruhrgebiet kam, hibbelte ich immer aufgeregt auf dem Bahnhof herum. Gegenüber vom Bahnhof, da wo jetzt das Forum Gummersbach zu ausgedehnten Shopping-Touren einläd, lärmten damals die Maschinen der Firma Steinmüller um die Wette. Sie übertönten oft die anderen Geräusche, weswegen ich immer sehr angestrengt in die Ferne schaute, da hinten wo die Gleise in die Kurve übergingen. Endlich, der Zug rollte an! Das war so schön meinen Opa zu begrüßen. Er schenkte mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit, wenn er mich durch die Luft wirbelte. Die Tage, an denen er bei uns zu Hause war, waren immer etwas Besonderes. Hinten im Arbeitszimmer/Gästezimmer wurde das Schlafsofa ausgeklappt und ich suchte alle Stifte und Blöcke raus, die ich finden konnte. Mein Opa konnte einmalig zeichnen. Schnell mal zum Bleistift gegriffen und eine Skizze gemalt:

Stundenlang setzten wir uns an den Esstisch und malten. Das Schönste, was wir beide zeichneten und malten war dieses Bild. es war ein Projekt über mehrere Tage gewesen:

ein Bild von Opa & mir gemalt

ein Bild von Opa & mir gemalt

Mein Opa war im Grunde mein zweiter Papa, der der auf 2 Beinen laufen konnte. Er spielte Ball mit mir, durchstreifte mit mir den Wald und so vieles mehr. Kurzum, er versuchte all die Dinge aufzufangen, die ein Papa auf 4 Rädern einfach nicht leisten konnte. So durfte ich die ersten 9 Jahre meines Lebens verbringen. Da mein Opa lange Jahre im Bergwerk arbeitete litt er unter einer Staublunge. Dass er dazu noch rauchte, war seiner Lungenkrankheit nicht gerade abträglich. Ich habe das als kleines Kind nicht so wahrgenommen, aber er baute gesundheitlich ab. Eines Tages, als ich mal wieder bei meinen Großeltern für einige Tage zu Besuch war, lag er nur noch im Bett. Plötzlich fuhr der Krankenwagen vor. Mein Opa musste ins Krankenhaus. „Mach’s gut“, rief er noch. Kinder durften nicht ins Krankenhaus auf die Intensivstation. Ich sah ihn nie wieder. Ich hatte meinen zweiten Papa verloren, er war einfach weg.

Jahre später noch kämpfte ich mit diesem Verlust. 1993, ein Jahr vor Papas Tod, versuchte ich Opas Abschied in Worte zu fassen. Gott war mir zu dieser Zeit noch ferne, Jesus völlig unbekannt. Ich hatte viele Fragen.

Abschied

Und wieder

rollte

ein Zug

aus diesem

Bahnhof.

Ankunfsort:

Unbekannt!

Ich konnte es nicht fassen,

dass mir dieser Mensch,

der mir

unendlich viel bedeutet,

mitfahren sollte.

Ich schrie ihm zu:

„Aussteigen!“

Doch er konnte nicht.

„Mach’s gut!“,

rief er noch,

und der Zug

rollte unerbittlich

davon –

einem

fernen,

unbekannten

Ort entgegen,

für immer

(1993, Sandra Hoffmann)

Geburtstagskuchen

Geburtstagskuchen

Morgen habe ich Geburtstag. Und natürlich flüstere ich dann, wenn ich den Kuchen auf den Tisch stelle, wieder leise „Geburtstagskuchen – bitte zu versuchen!“

Ich freue mich, das ich mit meinen Beitrag die Blogparade „Kindheitserinnerungen“ vom Limalisoy ergänzen (und hoffentlich auch bereichern) durfte! Ganz lieben Dank!

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4 thoughts on “Geburtstagskuchen – bitte zu versuchen!

  1. Sehr ergreifend – ich habe eine Gänsehaut, weil mich das auch sehr an das gemeinsame Malen mit meiner Oma erinnert. Aber ich glaube ganz fest daran, dass der Tod nur ein neuer Anfang ist und auch im Jenseits jemand dieses Lied ganz still mitsamt, wenn du es anlässlich deines Geburtstages anstimmst.

    Ganz liebe Grüße,

    Yvonne

    • Vielen lieben Dank für diese Worte. Und trotzdem diese Menschen, die man so liebt und die einen viel zu früh verlassen – sie hinterlassen eine sehr sehr tiefe Lücke im Leben. Alles Liebe und Gottes fetten Segen, Sandra

  2. Dein Opa muss toll gewesen sein! Ich will mir gar nicht vorstellen meinen zu verlieren. Er ist auch Künstler und hat sogar ein eigenes Atelier im Haus. Schon als ich noch klein war, haben wir Stunden da oben verbracht. Er war früher auch Kunstlehrer und ich habe sehr viel von ihm gelernt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass du deinen Opa sehr vermissen musst.

    Liebe Grüße,
    Franzi

    • Ja da hast du recht! Irgendwie fehlt jemand in meinem Leben der einen guten Einfluss auf mich hatte und mich geprägt hat! Danke für dein lieben Kommentar, liebe Franzi

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