Der Düsenjäger im limbischen System

Der sensible Mensch

Der sensible Mensch

Ich schreibe aus freien Stücken (ohne Produktsponsoring und dergl.) über dieses Buch.

Etwas wiederwillig schnappte ich mir vor ein paar Tagen die Hundeleine.

Es war sehr bewölkt und wenig einladend draußen und gleichzeitig boten mir die Äußerungen meines Hundes keine Alternative. Er musste raus um für ihn wichtige Geschäfte abzuschließen. Mit strammen Schritt, eingemuckelt in meine Regenjacke, machte ich mich auf den Weg. Ich war noch nicht weit gelaufen, als mich plötzlich ein lautes Geräusch erschreckte. Ich blickte angespannt nach oben, es wurde so viel lauter als gewöhnliche Flugzeuggeräusche. Hektisch suchte ich den Himmel ab, aber die tiefliegenden Wolken erlaubten keinerlei Sicht. Seinen für mich unerträglichen Höhepunkt erreichte das einschneidende Dröhnen dann genau über meinem Kopf. Ich presste die Hände auf die Ohren, meine Atemfrequenz beschleunigte sich, mein Pulz raste, der Körper zitterte – das Geräusch entfernte sich. Es war ein Düsenjäger gewesen!

Minutenlang stand ich da wie angewurzelt. Der Hund zog an der Leine. Er wollte weiter, war ja auch löblich, denn ein Hundehaufen vor des Nachbarns Gartentüre war bestimmt nicht besonders einladend. Hundetüten hatte ich nämlich auch vergessen. Nur langsam setzte ich mich in Bewegung. Ich wollte umkehren, nach Hause rennen, weinen…. ich weiß auch nicht – und gleichzeitig „zwang“ mich der Hund nach vorne. Mit angespannten Körper, rebellierenden Magen und ganz ganz dunklen Gefühlen setzte ich meine Runde fort. In meinem Hirn ratterte es. Hatte ich von diesen Abläufen doch erst kürzlich in einem Fachbuch „Der sensible Mensch“, von  Samuel Pfeifer gelesen. Beruhigte es mich? Nein! Ich verstand zwar was vor sich ging, Beruhigung stelle sich aber trotzdem nicht ein. Ich gestand mir, das ich diese Situation schon einmal in ähnlicher Weise erlebte:

Es ist schon sehr lange her, ich war noch ein kleines Kind, da war es gang und gäbe das Düsenjäger mehrmals täglich über unsere Köpfe flogen. Diese Geräusche kamen schnell näher, wurden seeeeehr laut und entfernten sich wieder. Da ich ohnehin ein sehr ängstliches Kind war, versetzten mich diese Flugzeuge immer in helle Aufregung. Regelmäßig flüchtete ich bei dem Geräusch in Mamas Arme oder kletterte den Rollstuhl hoch auf Papas Schoss. An einem Tag, meine Mutter und ich gingen gerade spazierten, wagte ich einen für mich sehr mutigen Schritt. Ich entfernte mich von meiner Mutter und erkundete einen Hang. Ich entfernte mich so weit, das meine Mutter sogar aus meinem Sichtbereich verschwand. Gerade meine Mom bewerte das als Fortschritt, hatten mich doch die vielen Jahren in den unterschiedlichen Krankenhäusern zu einem sehr verängstigten kleinen Mädchen gemacht.  Es hätte so schön sein können…. wenn sich da nicht urplötzlich dieses Geräusch näherte. Ehe ich es realisieren konnte, war der Düsenjäger über meinen Kopf. Ich hielt mir entsetzt die Ohren zu und schrie. Ich schrie mir die Lunge aus dem Leib und rannte wie eine Verrückte den Berg runter. Zurück zu meiner Mum, die mir in ahnender Voraussicht, entgegen eilte. Fortan gestalteten sich die Jahre, in denen die Bundeswehr so viele Testflüge anberaumte, noch schwerer.

Die Zeit verging, die Düsenjäger flogen nicht mehr, das kleine Mädchen wurde erwachsen, schnappte sich die Hundeleine und ging spazieren.

Was ist dann passiert? In dem Moment, als ich dieses laute Flugzeuggeräusch wahr nahm, löste allein diese Wahrnehmung verschiedene Gefühle und damit auch Erinnerungen aus. Dass die Gefühle reagieren, und auch dass das vegetative Nervensystem erstmal  leicht angespannt „aufhorcht“,  ist normal. Es muss ja für den Ernstfall gerüstet sein. Normalerweise holt sich das Gehirn dann sehr rasch weitere „sachliche“ Informationen aus dem sensorischen Areal. Danach ist das Gehirn bereit eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Sollte „Gefahr“ die sachliche Zusatzinformationen sein, hat das vegetative Nervensystem alles dafür bereit gestellt jetzt zu fliehen.

Nüchtern betrachtet war die Zusatzinformation in dem Falle dieses Düsenjägers  jedoch „Entwarung“, die Gefühlswallungen beruhigen sich dann, das vegetative Nervensystem entspannt sich und das Gehirn trifft die vernünftige Entscheidung sich nicht aufzuregen und die Hunderunde gelassen fortzusetzen.  Diese Vorgänge 1. Wahrnehmen der Situation, 2. Bewertung durch Gefühle, 3 Zusatz-Kontrolle durch weitere Informationen und 4. Vernümpftige Entscheidung laufen superschnell ab. Das ist sehr schön in dem Buch erklärt.

Ja aber warum entspannten sich bei mir weder die Gefühle und das vegetative Nervensystem wartete mit einem fetten Haufen funktioneller Störungen auf?  Ganz einfach:

Der Düsenjäger verharrte im limbischen System!

Das ist das Areal im Gehirn welches u.a. der Gefühlswelt ihr zu Hause gibt. Oh weh! Der hatte da geparkt. So lange, um sich mit dem „gefährlichen“ Düsenjäger aus meiner Kindheit zu verbünden. So lange, um meiner ziemlich sensiblen Gefühlswelt richtig Angst einzujagen. Alarmglocken schrillten, alle Sinne waren hellwach, das gemütlich vor sich hin „spazierende“ vegetative  Nervensystem im Körper wurde dermaßen aufgeschreckt. Atemnot, Herzrasen, weiche Knie, Angst… waren die Folge davon. So stand ich am Strassenrand, hielt mir die Ohren zu und es kostete mich alles nicht los zu schreien und zurück zu rennen. Statt dessen wartete ich alle Kraft auf, schob mich an dem fetten Düsenjäger vorbei um mir die rettenden Zusatzinformationen zu holen. Besser spät als nie entschied die Vernunft das alles gut ist. Der reale Düsenjäger war nur noch leise in der Luft zu hören, als sich mein gefühlter Düsenjäger endlich zum Weiterflug aufmachte. Noch lange danach hatte die Vernunft alle Hände voll zu tun, meiner Gefühlswelt zu versichern das „alles gut“ ist.

„Hast du auch den lauten Düsenjäger gehört?“, empfing mich mein großer Sohn, „Man war das cool!“ „Ja, sehr cool!“, erwiderte ich und setzte mich mit noch recht zittrigen Knien aufs Sofa.

Ein ergänzendes Nachwort:

Vor einiger Zeit sprach mich eine Frau aufgrund meiner Erzählungen auf das Thema „Hochsensibel“ an. Hochsensible Menschen erleben die Welt, bestimmte Begebenheiten sowie die Gefühle der Mitmenschen als besonders intensiv. Dass es dafür eine Begrifflichkeit gibt, wusste ich nicht. Ich glaube das hätte auch nicht so viel genützt, denn wenn überhaupt hätte ich den Begriff sehr negativ erlebt. So war ich doch das Sensibelchen, die Heulsuse, der Angsthase, der der immer alles zu Herzen geht. Und das das nicht gut sei, das haben mich die Mitmenschen verbal und nonverbal wissen lassen. Jetzt möchte ich diesen Begriff verstehen, möchte ich mich verstehen. Dies ist ein weiterer Teilbereich meiner Wegstecke mit Gott – meine Gefühle verstehen lernen, die Gefühle anderer verstehen lernen. Dieses Erlebnis ist nur eins von vielen Empfindungen und intensiven Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe und wahrscheinlich noch machen werde.

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4 thoughts on “Der Düsenjäger im limbischen System

  1. Liebe Sandra,
    danke für den guten Artikel!
    Das Thema beschäftigt mich auch. Ich hab vor mehreren Jahren mal einen Test zu HSP gemacht und es kam raus, dass ich es bin. Hab es dann aber relativ ignoriert, aber sowas merkt man halt trotzdem immer wieder. 🙂
    Kannst du das Buch weiterempfehlen? Rät der Autor was zum Umgang damit?
    Viel Segen für deinen Umgang mit dem Thema 🙂
    lg, Anne

    • Hallo liebe Anne! Ich habe erst ein drittel des Buches gelesen. Es ist nicht einfach so zum „herunterlesen“. Den Teil eins habe ich gelesen, dort geht es erstmal darum was Sensibilität ist im Kontext von Persönlichkeit,Psychosomatik, Kindheit, Trauma und Seele. Im Teil 2 geht es dann eingehender darum, wenn Sensibilität zur Krankheit wird (Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angst, Manische Phasen, Zwang, Teil 3 Sensibilität im Kontext von Gauben und sich selbst schützen.

  2. Huhu meine Liebe…

    Ich weiß gar nicht was ich sagen soll.
    Als erstes Dachte ich, du schreibst aus dem Buch heraus um dann festzustellen, dass es aus deinem Herzen kommt. Sehr gut geschrieben. Das Buch selber kenne ich nicht und kann mich auch so nicht mit dem Thema zusammen setzen. Aber dein Text. So unglaublich.

    Alles liebe

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